Einen ganzen Monat bin ich jetzt schon in
Namibia. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht, nun ist schon ein Drittel
meines Aufenthalts in Namibia um! Ich habe mich eingelebt, meine Haut kommt
langsam mit der Sonne klar und färbt sich endlich von krebsrot zu einem
leichten braun. Und auch an das scharfe Essen und an Begegnungen mit diversen
Tieren in meinem Zimmer habe ich mich gewöhnt. Ich glaube ich kann mir jetzt
erlauben, über einige Dinge zu urteilen und eine kleine Gegenüberstellung von
meinen Vorstellungen vom Farmleben und der Realität zu machen.
Leni
Vorstellung 1: Ich werde 99,9% der Zeit auf der Farm verbringen und ansonsten nicht sehr viel von Namibia sehen.
Realität 1: Stimmt
nicht ganz. Natürlich verbringe ich sehr viel Zeit auf der Farm, trotzdem war ich schon in verschiedenen
Städten (Otjiwarongo, Tsumeb, Okahandja – ich liebe diese Städtenamen!), auf einer Krokodil-Ranch und
am berühmten „Baobab-Tree-Monument“.
Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Außerdem werde ich wahrscheinlich
in zwei Wochen „meine“ Farm verlassen und bis Februar auf einer anderen Farm bleiben. Warum ich von meinem ursprünglichen Plan abweiche,
werde ich später, in einem anderen Post, genauer erklären. Bis jetzt habe ich
nämlich das Warum und das Wohin selbst noch nicht so richtig verstanden und hoffe, in ein paar Tagen
mehr darüber erzählen zu können.
Vorstellung 2: Die
Farm wird sich wahrscheinlich nicht sehr von einem deutschen Bauernhof unterscheiden. Es gibt Rinder, es gibt Ziegen, es gibt
Ländereien – wo soll da der Unterschied
sein?
Realität 2: Gründlich
falsch gedacht! Im Gegensatz zu einem Bauernhof ist das ca. 3000 Hektar große Gelände der Farm komplett eingezäunt. Statt fruchtbaren Feldern besteht hier alles aus einer steinigen
Savanne. Die 130 Rinder und 25 Schafe haben keinen festen Stall und teilen sich das
spärliche Gras mit drei fast wilden Pferden und 12 Eseln. Außerdem habe ich in Deutschland
noch nirgends gesehen, dass die Arbeiter mit ihren
teils großen Familien direkt auf dem Gelände leben. Festus, Willie, Riaan und Fasie, vier Arbeiter im
Alter von 20 – 50 Jahren, verbringen ihr ganzes Leben auf der Farm und verlassen ihr Zuhause höchstens,
um mit dem „Donkiecar“ (Eselskarren) die Nachbarfarm zu besuchen. Das
Leben der Frauen und Kinder spielt sich eigentlich
nur in und um ihre Häuser ab, denn es gibt weder feste Arbeit für die Frauen, noch
eine Schule für die Kinder.
Vorstellung 3: Mir wird es wahrscheinlich irgendwann sehr langweilig werden. Ludwig
hat mich schon darauf vorbereitet, dass es
nicht viel Arbeit für mich gibt und dass ich auch sonst nicht allzu viel unternehmen kann.
Realität 3: Auch
wenn ich es mir selbst nicht erklären kann: Ich habe mich bisher noch kein einziges Mal gelangweilt! Obwohl
ich hier keine festen Arbeiten verrichten muss (Leider
kann ich auf der Farm nicht viel helfen, da die Männer nicht einsehen, dass eine weiße junge Frau
Zäune repariert, die Rinder treibt oder bewucherte Wege freischneidet), habe ich immer gerade so viel
zu tun, dass mir nie langweilig wird. Ich habe
sogar so viel zu tun, dass ich den
Gedanken an mein unaufgeräumtes Zimmer mit
einem „Mach ich später irgendwann“ getrost ignorieren kann... Stattdessen versuche ich im Haushalt, beim Wäschewaschen, beim Kochen
und Putzen zu helfen. (Mama,
du kannst deinen vor Staunen geöffneten Mund wieder schließen. Ja, ich putze!)
Vorstellung 4: Ich muss mir keine Sorgen um meine Figur machen, denn ich werde
sicher nicht mehr essen können als in
Deutschland.
Vorstellung 5: Ich werde abends mit den Arbeiterfamilien zusammen am Feuer sitzen
und ihnen Gesellschaft leisten.
Realität 5: Leider
bleibt das weiterhin nur ein Traum. Es ist nicht leicht das Verhältnis zwischen weißen Farmern und ihren Arbeitern zu beschreiben. Zum Einen spürt man eine große Abhängigkeit: Der Farmer ist genauso auf zuverlässige Arbeiter angewiesen, wie die Arbeiter auf einen
fairen und gerechten Farmer. Zum Anderen herrscht eine große Distanz zwischen beiden Gruppen, und das
enttäuscht mich ein bisschen. Die Arbeiter
leben mit ihren Familien in Blechhütten oder Steinhäusern etwa 500m vom Farmhaus entfernt und
sie sehen es nicht gern, wenn „Weiße“ ihr Territorium betreten. Ich habe nun schon mehrere
Farmen in der Umgebungbesucht, und immer wieder
bin ich auf die gleiche Distanz zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ gestoßen. Da ich nicht das Gefühl habe, dass da
irgendjemand etwas ändern will, muss
ich meinen Wunsch, eine tiefere interkulturelle Verbindung zu schaffen, wohl leider vergessen. Trotzdem hält
mich die ganze Situation natürlich nicht davon ab, heimlich mit den Kindern zu malen, zu spielen und
mir von ihnen Afrikaans beibringen
zu lassen! Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kinder eine kleine Brücke
zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ schlagen können, denn letztens haben mir
die Arbeiterfrauen von weitem gewunken – ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so über ein kleines
Winken gefreut habe...
Mutti ist sehr stolz auf dich :)
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