Mittwoch, 7. Dezember 2016

Namibia: Vorstellung vs. Realität

Einen ganzen Monat bin ich jetzt schon in Namibia. Wahnsinn, wie schnell die Zeit vergeht, nun ist schon ein Drittel meines Aufenthalts in Namibia um! Ich habe mich eingelebt, meine Haut kommt langsam mit der Sonne klar und färbt sich endlich von krebsrot zu einem leichten braun. Und auch an das scharfe Essen und an Begegnungen mit diversen Tieren in meinem Zimmer habe ich mich gewöhnt. Ich glaube ich kann mir jetzt erlauben, über einige Dinge zu urteilen und eine kleine Gegenüberstellung von meinen Vorstellungen vom Farmleben und der Realität zu machen.

Liebe Grüße und bis bald!
Leni


Vorstellung 1:  Ich werde 99,9% der Zeit auf der Farm verbringen und ansonsten nicht sehr viel von Namibia sehen.
Realität 1:  Stimmt nicht ganz. Natürlich verbringe ich sehr viel Zeit auf der Farm, trotzdem war ich schon in verschiedenen Städten (Otjiwarongo, Tsumeb, Okahandja – ich liebe diese Städtenamen!), auf einer Krokodil-Ranch und am berühmten „Baobab-Tree-Monument“. Ich habe nicht das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. Außerdem werde ich wahrscheinlich in zwei Wochen „meine“ Farm verlassen und bis Februar auf einer anderen Farm bleiben. Warum ich von meinem ursprünglichen Plan abweiche, werde ich später, in einem anderen Post, genauer erklären. Bis jetzt habe ich nämlich das Warum und das Wohin selbst noch nicht so richtig verstanden und hoffe, in ein paar Tagen mehr darüber erzählen zu können.

Vorstellung 2:  Die Farm wird sich wahrscheinlich nicht sehr von einem deutschen Bauernhof unterscheiden. Es gibt Rinder, es gibt Ziegen, es gibt Ländereien – wo soll da der Unterschied sein?
Realität 2:  Gründlich falsch gedacht! Im Gegensatz zu einem Bauernhof ist das ca. 3000 Hektar große Gelände der Farm komplett eingezäunt. Statt fruchtbaren Feldern besteht hier alles aus einer steinigen Savanne. Die 130 Rinder und 25 Schafe haben keinen festen Stall und teilen sich das spärliche Gras mit drei fast wilden Pferden und 12 Eseln. Außerdem habe ich in Deutschland noch nirgends gesehen, dass die Arbeiter mit ihren teils großen Familien direkt auf dem Gelände leben. Festus, Willie, Riaan und Fasie, vier Arbeiter im Alter von 20 – 50 Jahren, verbringen ihr ganzes Leben auf der Farm und verlassen ihr Zuhause höchstens, um mit dem „Donkiecar“ (Eselskarren) die Nachbarfarm zu besuchen. Das Leben der Frauen und Kinder spielt sich eigentlich nur in und um ihre Häuser ab, denn es gibt weder feste Arbeit für die Frauen, noch eine Schule für die Kinder.

Vorstellung 3:   Mir wird es wahrscheinlich irgendwann sehr langweilig werden. Ludwig hat mich schon darauf vorbereitet, dass es nicht viel Arbeit für mich gibt und dass ich auch sonst nicht allzu viel unternehmen kann.
Realität 3:  Auch wenn ich es mir selbst nicht erklären kann: Ich habe mich bisher noch kein einziges Mal gelangweilt! Obwohl ich hier keine festen Arbeiten verrichten muss (Leider kann ich auf der Farm nicht viel helfen, da die Männer nicht einsehen, dass eine weiße junge Frau Zäune repariert, die Rinder treibt oder bewucherte Wege freischneidet), habe ich immer gerade so viel zu tun, dass mir nie langweilig wird. Ich habe sogar so viel zu tun, dass ich den Gedanken an mein unaufgeräumtes Zimmer mit einem „Mach ich später irgendwann“ getrost ignorieren kann... Stattdessen versuche ich im Haushalt, beim Wäschewaschen, beim Kochen und Putzen zu helfen. (Mama, du kannst deinen vor Staunen geöffneten Mund wieder schließen. Ja, ich putze!)

Vorstellung 4:  Ich muss mir keine Sorgen um meine Figur machen, denn ich werde sicher nicht mehr essen können als in Deutschland.
Realität 4:  Schön wär's! Ich esse mehr als zu Hause. Aber zu so deliziösen (ich habe keinen besseren Ausdruck gefunden) Mahlzeiten kann man einfach nicht nein sagen. Hier sieht man eine Portion sogenannter „Fettcookies“; verfeinert mit einer Hackfleisch-Kartoffelfüllung. Ich glaube, das wahre Geheimnis dieser unglaublich leckeren Fettcookies ist das ranzige Öl, in dem sie ausgebacken werden. Je ranziger das Öl desto besser! Als Krönung gibt es selbstgemachten Eistee.



Vorstellung 5:  Ich werde abends mit den Arbeiterfamilien zusammen am Feuer sitzen und ihnen Gesellschaft leisten.
Realität 5:   Leider bleibt das weiterhin nur ein Traum. Es ist nicht leicht das Verhältnis zwischen weißen Farmern und ihren Arbeitern zu beschreiben. Zum Einen spürt man eine große Abhängigkeit: Der Farmer ist genauso auf zuverlässige Arbeiter angewiesen, wie die Arbeiter auf einen fairen und gerechten Farmer. Zum Anderen herrscht eine große Distanz zwischen beiden Gruppen, und das enttäuscht mich ein bisschen. Die Arbeiter leben mit ihren Familien in Blechhütten oder Steinhäusern etwa 500m vom Farmhaus entfernt und sie sehen es nicht gern, wenn „Weiße“ ihr Territorium betreten. Ich habe nun schon mehrere Farmen in der Umgebungbesucht, und immer wieder bin ich auf die gleiche Distanz zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ gestoßen. Da ich nicht das Gefühl habe, dass da irgendjemand etwas ändern will, muss ich meinen Wunsch, eine tiefere interkulturelle Verbindung zu schaffen, wohl leider vergessen. Trotzdem hält mich die ganze Situation natürlich nicht davon ab, heimlich mit den Kindern zu malen, zu spielen und mir von ihnen Afrikaans beibringen zu lassen! Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kinder eine kleine Brücke zwischen „Schwarzen“ und „Weißen“ schlagen können, denn letztens haben mir die Arbeiterfrauen von weitem gewunken – ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so über ein kleines Winken gefreut habe...



1 Kommentar: