Ich melde mich zurück aus Tansania! Ich habe wohl eine Weile gebraucht, um die ganzen Eindrücke und Gefühle an diesem neuen Ort in Worte fassen zu können, und kann jetzt hoffentlich einigermaßen verständlich rüberbringen, wie es mir geht.
Also zuerst einmal: Ich lebe in einem Paradies, ungefähr 30 km außerhalb der Hauptstadt Daressalam! Es ist wirklich so, wie man es aus dem Reisekatalog kennt. Jeden Tag Sonne, jeden Tag Temperaturen zwischen 30°C und 35°C, weißer Sandstrand, Palmen, an denen Kokosnüsse hängen, kleine Fischerboote aus Holz, die beim Sonnenaufgang aufs Meer hinaus fahren. Äffchen, die einen rund um die Uhr neugierig beobachten, rote Krebse die schnell weg rennen, wenn man in ihre Nähe kommt, mit einem Pferd durchs warme Wasser galoppieren. Ich dachte bisher, solche Orte existieren nur im Film und ich bin unendlich glücklich, dass ich so etwas mit meinen eigenen Augen genießen darf.
Aber es gibt einen kleinen Unterschied zwischen „im Paradies leben“ und „sich so fühlen, als ob man im Paradies lebt“. Was ich damit sagen will, ist, dass ich pünktlich zur Halbzeit (sogar schon ein bisschen mehr als Halbzeit!) eine kleine Krise schiebe. Was bringt mir das Meer, wenn ich dort alleine baden muss? Was bringt mir der Sandstrand, wenn ich dort mit niemandem liegen kann? Was bringen mir frische Kokosnüsse, Bananen und Ananas, wenn keiner da ist mit dem ich um das letzte Stück streiten kann? Ich bin einsam. Ich habe keine Lust mehr auf Sonne und Hitze, auf Moskitos, auf neue Menschen und neue Erfahrungen. Ich möchte endlich mal wieder frieren, möchte eine Decke über meinen Kopf legen und dann ganz lange nichts sehen, nichts hören. DAS wäre gerade mein richtiges Paradies. Und vor allem möchte ich wieder jemanden bei mir haben, den ich schon lange kenne und dem ich vertrauen kann. Die Familie, bei der ich hier in Tansania lebe ist ganz nett, aber es ist einfach unglaublich anstrengend, für so eine lange Zeit mit Fremden zu leben. Ich arbeite hier jeden Tag mit ca. 20 Pferden, kann sie füttern und putzen, natürlich ganz viel Reiten und mich ab und zu um Gäste kümmern, die einen Ausritt am Strand oder durch den Busch gebucht haben. Die Arbeit macht mir zwar sehr Spaß, ist aber bei dieser Hitze auch unglaublich anstrengend. Und wie gesagt, es ist wirklich sehr nervenaufreibend, rund um die Uhr völlig alleine unter fremden Menschen zu leben. Das war zwar in Namibia anfangs auch so, aber da habe ich zum Glück mit der Zeit Menschen kennen gelernt, zu denen ich eine persönliche Bindung aufgebaut habe. Ich bin zwar erst knapp zwei Wochen hier und weiß ja nicht, wie sich das alles noch in den nächsten Monaten entwickeln wird, aber im Moment ist mein Leben sehr eintönig und einsam. Jeden Tag um 6 aufstehen, alleine eine Tasse Kaffee trinken. Alleine die Pferde füttern, Wunden säubern, putzen. Alleine Bananen essen. Alleine ausreiten. Wenn ich Glück habe, kommt einer der Arbeiter mit, aber die können alle nur wenig Englisch sondern nur Swahili. Abends wieder die Pferde versorgen und dann mit Menschen an einem Tisch sitzen, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen, und auch nicht so richtig an mir interessiert sind, weil ich ja nur Praktikantin Nummer 215 bin.
Viele sagen zu mir, ich soll mich doch nicht so anstellen und das alles genießen soll weil die Zeit hier wahrscheinlich schon schneller wieder vorbei ist als ich denke. Bitte versteht mich nicht falsch, ich möchte absolut nicht undankbar sein und ich bin mir auch sicher, dass ich mich schnell genug wieder nach Tansania sehnen werde. Aber ich bin gerade an einem Punkt an dem mich alles nervt, alles blöd finde und an dem ich keinen Bock mehr hab, zu genießen. Ich kann einfach nicht mehr genießen. Das wiederum nervt mich extrem, weil wo sollte ich jemals besser genießen können als hier? Es ist wirklich verdammt anstrengend. ICH bin verdammt anstrengend. Willkommen in meiner „Mid-Africa-Crisis“…
Ich hoffe wirklich, dass sich das ein bisschen geändert hat, wenn ich mich das nächste Mal melden kann.
Bis dahin, liebe Grüße!
Eure Leni