Tansania: Vorstellung vs. Realität
Anfang Dezember postete ich den ersten Teil dieses „Vorstellung vs. Realität“- Formats. Wow. Anfang Dezember, das ist schon ganz schön lange her. So viel ist seitdem passiert! Ich habe schöne und schlimme Erfahrungen gemacht, hab gelacht und geweint, habe 5 verschiedene Länder bereist, Menschen kennen gelernt, einfach so viel erlebt. Selbst hier in Tansania ist schon wieder fast die Hälfte der Zeit um. Die Zeit fliegt, und doch kommt der Tag meiner Heimreise irgendwie nur sehr schleppend näher. Wie damals in Namibia, möchte ich auch heute eine kleine Bilanz ziehen, und meine Vorstellungen mit der Realität vergleichen.
Vorstellung 1: Ich werde ganz in der Nähe der Hauptstadt Daressalam leben. Das wird super, da kann ich mich jedes Wochenende mit anderen Praktikanten treffen, essen gehen, ausgiebig shoppen und die moderne Stadt erkunden.
Realität 1: Ich bin davon ausgegangen, Daressalam wäre eine richtige Großstadt, so wie Windhuk oder Johannesburg. Ja, Daressalam ist groß und nebenbei auch die am schnellsten wachsende Stadt in ganz Afrika. Aber irgendwelche westlichen Einflüsse wie Hochhäuser oder Fußgängerzonen oder selbst normale Supermärkte findet man erst, wenn man sich stundenlang auf überfüllten Lehmstraßen durch die Slums wühlt. Ich würde sagen, diese Stadt besteht zu 99% aus Slums. Vielleicht stimmt das nicht ganz und vielleicht hat Daressalam auch eine westliche Seite, die habe ich aber bis jetzt in 6 Wochen Aufenthalt noch kein einziges Mal gesehen. Keiner spricht Englisch, Hauptfortbewegungsmittel ist das Bajaji (motorisiertes Dreirad), auf der Straße sieht man Millionen Menschen, die über der Feuerstelle kochen, Hühner schlachten, schimmeligen Fisch verkaufen, ihre Kinder verprügeln, Bananen und Ananas verkaufen, tanzen und singen, alles auf einmal. Es ist laut, heiß, stickig, es riecht nach Wassermelone und Urin, man sieht Frauen in wunderschönen Kleidern und kranke Verkrüppelte am Boden kriechen. Ich dachte ja eigentlich, ich wäre mittlerweile schon einiges gewöhnt, aber die erste Fahrt durch Daressalam war einfach zu viel für mich. Und so konnte ich mich auch ganz schnell von meinen Träumen von wegen essen gehen, shoppen etc. verabschieden. Daressalam ist viiiiel zu afrikanisch, um irgendwelchen europäischen Vorstellungen zu entsprechen.
Vorstellung 2: Oh je, von Februar bis Mai ist Regenzeit in Tansania. Das ist schade, lässt sich aber nicht ändern.
Realität 2: ZUM GLÜCK IST REGENZEIT!!!! Ich weiß nicht, wie die Menschen es hier aushalten, wenn es nicht ab und zu regnet. Regen gehört für mich neben Schokolade und Getränken mit Kohlensäure zum absoluten Luxus. Im Moment ist noch eher Anfang der Regenzeit und alle warnen mich schon immer vor, dass ich den Regen bald nicht mehr sehen kann, wenn die Regenzeit richtig loslegt, und alles unter Wasser setzt. Aber das ist mir egal. Es gibt nichts schöneres, als bei Regen im warmen Indischen Ozean zu schwimmen! Give me more rain!!!!
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| Wunderschöne Regenwolken |
Vorstellung 3: Die Pferde sind bestimmt alle super geeignet für Amateur-Reiter wie mich. Wenn sogar wildfremde Touristen, die in ihrem Leben noch nie auf einem Pferd saßen, am Strand entlang reiten können, werde ich das doch locker schaffen!
Realität 3: Ha. Ha. Sagt Leni, die gerade zum vierten Mal von ihrem Pferd unsanft aus dem Sattel befördert wurde.
Nein, ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Aber zu glauben, alle Pferde wären hier zahm wie die Lämmer, war unglaublich naiv von mir. Vor allem, weil sich meine Chefin in den Kopf gesetzt hat, ich sollte genau die Pferde trainieren, auf die man keine Kunden setzen kann. Und damit meint sie zum Beispiel „Mpenzi“ (das ist Swahili für: Liebling, Charmeur), einen dreijährigen Vollbluthengst, der noch nie richtig trainiert wurde. Ja Mpenzi, wirklich sehr charmant von dir, dass du mich vor allen anderen lächerlich machst, weil du dich stur wie ein Esel seit einer halben Stunde nicht mehr von der Stelle bewegst! Ich müsste dann langsam mal auf Toilette!!
Vorstellung 4: Ich habe mich damit abgefunden, keinen intensiven Kontakt mit den Arbeitern zu haben. Das war ja bisher in Namibia auch überall so.
Realität 4: Zum Glück falsch! Endlich habe ich mal die Chance, richtige „locals“ kennen zu lernen! Die Tansanier sind unglaublich offen und freuen sich über jeden, der den Kontakt zu ihnen sucht. Durch die Zusammenarbeit im Stall und bei den Pferden verbringe ich sogar mehr Zeit mit den Arbeitern als mit den Farmern und darüber bin ich so froh! Es ist egal, dass wir nicht die gleiche Sprache sprechen, dass unsere Hautfarbe verschieden ist, dass wir aus völlig unterschiedlichen Kulturen stammen (die Meisten sind hier übrigens Muslime, es gibt aber auch noch viele traditionell lebende Familien wie z.B. Massai). Wir lachen uns trotzdem gegenseitig aus, wenn jemand in Pferdeäpfel tritt, helfen uns trotzdem gegenseitig beim Aufsteigen aufs Pferd, regen uns trotzdem manchmal über die cholerischen Anfälle unserer Chefs auf. Die locals haben mich zu sich nach Hause und zum Essen eingeladen, haben mir gezeigt wie man den traditionellen Maisbrei und Bohnen mit den Händen isst (was wirklich gar nicht so einfach ist!), haben ganz stolz ihre selbstgemachte gesäuerte Milch mit mir geteilt (die wirklich widerlich war, aber egal: Becher austrinken, versuchen, das Gesicht nicht zu verziehen, versuchen, rüberzubringen, dass das totaaaaaal lecker war). Ohne die locals wäre meine Zeit hier nur halb so schön. Es ist so einfach, sich von ihrer afrikanischen Lebensfreude anstecken zu lassen.

Ich habe jetzt lange überlegt, was ich als Abschlussworte für diesen Post schreiben könnte. Aber die wichtigsten Worte, die meine Realität hier in Tansania beschreiben, habe ich gerade eben schon mal formuliert: Ohne die locals wäre mein Aufenthalt nur halb so schön. Es ist so einfach und es tut so gut, sich von ihrer afrikanischen Lebensfreude anstecken zu lassen!
Ganz liebe Grüße und bis zum nächsten Mal,
Eure Leni
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