Mittwoch, 15. Februar 2017

Kapitel 2


Südafrika ist im Vergleich zu Namibia eine komplett andere Welt. Während man in Namibia im Nichts landet und der Windhuker Flughafen aussieht wie eine zu groß geratene Eingeborenenhütte, fühlt man sich in Kapstadt sofort heimisch, weil einen alles an Deutschland erinnert: Tausend Gänge,  überall Menschen, Trubel und Stress. Die komplette Reizüberflutung für mich, nach vielen Wochen absoluter Ruhe. Zu viele Stimmen, zu viele Gerüche, laute Geräusche, von denen ich sofort Kopfweh bekommen habe. Und als ob das alles noch nicht genug gewesen wäre, war ich auch noch extrem nervös, Robin wieder zu sehen. Der erste Moment fühlte sich so an: Oh man, du existierst ja wirklich? Du bist nicht nur eine Person aus einer anderen Galaxie die mir ab und zu Briefe und SMS schreibt? Meine Freunde haben mich noch nicht vergessen? Und wow, Deutschland steht noch?! Das klingt sehr übertrieben, aber es war wirklich unfassbar verwirrend für mich. Drei Monate sind eigentlich schon eine verdammt lange Zeit. Aber genauso verwirrend war, wie schnell ich mich wieder an alles gewöhnt habe. Nach einem Tag in Kapstadt haben mir die vielen Reize gar nichts mehr ausgemacht und auch mit Robin war es, als ob er nie weggewesen wäre. 
Kapstadt ist unglaublich. Unglaublich europäisch, irgendwie. Die Wohnung, die wir uns über Airbnb gemietet haben, war für mich der pure Luxus. Statt dem guten alten Holzherd gab es Elektrokochplatten, statt dem selbstgebauten Kühlhaus wieder einen richtigen Kühlschrank, statt mir mein Bett mit Käfern und Moskitos zu teilen, hatte ich endlich wieder Ruhe. Naja fast zumindest, Robin war ja auch noch da. Aber der nervt mich wenigstens nicht so extrem wie diese Insekten… :) Die Woche im Zentrum der Stadt fühlte sich an wie im Film. Wir waren wandern auf dem Tafelberg, hatten Surfstunden gemeinsam mit Seerobben, und schauten uns den Sonnenuntergang vom Gipfel des Lions Head an. Wir testeten sämtliche Bars und Restaurants an der Long Street und machten Selfies mit Pinguinen. Das volle Touriprogramm also. Nach sieben Nächten in Kapstadt wurden wir dann plötzlich von den absoluten Touristen zu absoluten Einheimischen, als wir nach einer kurzen Autofahrt im nahe gelegenen Scarborough landeten. In unserer neuen Unterkunft in Scarborough wurden wir von zwei jungen Surfern begrüßt, als würden wir uns schon ewig kennen. Das ganze Haus ist voll von Backpackern, und man lebt eigentlich eher in einer WG als in einem Hotel. Schon nach kurzer Zeit in diesem Haus hatten wir neue Bekannte und  Freunde, bekamen wertvolle Tipps über die Sehenswürdigkeiten in der Gegend, und lernten Dinge über Südafrika, die in keinem Reiseführer stehen. Und vielleicht auch in keinem Reiseführer stehen sollten… 
Die Menschen haben mich mal wieder völlig geflasht mit ihrer grenzenlosen Offenherzigkeit und Großzügigkeit. Ohne Einschränkungen fanden wir unseren Platz abends am Lagerfeuer, wurden in die Gespräche mit eingebunden, bekamen Einladungen zum Surfen oder mit den anderen auf das nächste Openairkonzert zu gehen. Ich glaube es gehört einfach grundsätzlich zur afrikanischen Lebensweise, vorurteilsfrei und fremdenfreundlich zu sein. 
Kapitel 2 meines Reisebuchs ist somit nun auch schon fast wieder vorbei. Ich glaube, ich nenne es „Wie Leni merkt, dass ihr Leben in Deutschland doch noch existiert“. Wie sie merkt, dass ihr Leben nicht nur aus dem Farmleben in Namibia besteht. Und das ist auch gut so! Denn es geht weiter, und zwar ziemlich rasant: Morgen heißt es schon wieder Abschied nehmen und mich in den nächsten und letzten Abschnitt meiner Reise stürzen. Tansania wartet und ich bin unendlich gespannt, was dort alles auf mich zukommt. Die Hälfte meiner Auslandszeit ist nun fast um, und bisher wurden all meine Erwartungen mehr als übertroffen. Ich habe das Gefühl, irgendwas oder irgendjemand sorgt ständig dafür, dass ich nur tolle Dinge erleben darf und dass ich hier die schönste Zeit meines Leben haben kann. Mein Schicksal ist ne ziemlich coole Socke. Und deshalb freue ich mich auch sooo auf Tansania. Ich weiß, es wird richtig gut werden. 

Bis zum nächsten Mal, ich hoffe ich kann mich aus Tansania schnell melden.

Ganz liebe Grüße, auch von Robin :)
Eure Leni


Bild 1 umd 2: Wandern am Kap der guten Hoffnung

Bild 3: Auf dem Tafelberg steht jetzt ein von uns selbst gebauter Steinturm :)

Mittwoch, 1. Februar 2017

#3 Liebes Afrika


Ich stelle mir meine Reise mit dir wie ein Buch vor. Kapitel 1 heißt "Wie Leni ihr Herz an Namibia verliert". Dieses Kapitel endet damit, dass ich mich in Namibia verliebt habe, und eigentlich für immer hier bleiben möchte. Und damit, dass ich heulend am Flughafen stehe und ein letztes Mal namibischen Boden unter mir spüre. Und genau an diesem Punkt bin ich jetzt gerade.

Heute ist mein letzter Tag in Namibia, morgen werde ich schon in Südafrika sein, deinem südlichsten Land. Natürlich freue ich mich sehr auf das nächste Kapitel, und bin schon sehr gespannt, was du mir darin alles zeigen und beibringen wirst. Trotzdem fällt es mir verdammt schwer, mich zu verabschieden. Gerade jetzt merke ich, was für eine wunderschöne Zeit ich erlebt habe und wie glücklich ich hier gewesen bin. Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir unendlich wichtig sind, denen ich all meine tollen Erfahrungen zu verdanken habe, und die für mich im Laufe der Zeit zur Familie geworden sind. Meine namibische Familie eben. Diese Meschen haben mich so herzlich bei sich aufgenommen und mir 'ihr' Namibia gezeigt, sodass ich eigentlich gar keine andere Wahl hatte, als mich in dieses Land zu verlieben. Liebes Afrika, du hast deinen Bewohnern gezeigt, wie man das Leben genießt: Das leckere Frühstück morgens, diverse Farmrundfahrten hinten auf der Ladefläche des Pick-ups, den alltäglichen "Sundowner", bei dem sich alle treffen und den Sonnenuntergang angucken, leckeres Abendessen und tolle Gespräche, die unvergessliche Zeit im Caprivi-Streifen, in Botswana und Simbabwe, einen atemberaubenden Tag im Etosha Nationalpark... Das alles und noch vieles mehr habe ich ganz tief in meinem Herzen gespeichert und da wird es für immer bleiben. 
Meine Erwartungen waren nicht sehr hoch, als ich in Namibia gelandet bin. Eigentlich dachte ich ja, ich würde außer Grootfontein nicht viel vom Land sehen. Und jetzt?! Ich war in Namutoni, in Rundu, in Katima Mulilo, habe den Etosha - und den Bwabwata National Park gesehen, habe  zwei neue Stempel in meinem Reisepass, konnte Giraffen, Zebras, Elefanten, Gnus, Nilpferde, Hyänen, Schakale, Krokodile und tausende Antilopen aus der Nähe betrachten und durfte sogar die berühmten Regenbögen an den Viktoriafällen bewundern. 
Natürlich war nicht immer alles "Friede-Freude-Eierkuchen", ich war oft fix und fertig und wollte einfach nur noch nach Hause. Du hast mir sehr oft gezeigt, wie anstrengend du sein kannst! Ich hatte keine Lust mehr auf diese Hitze, und die heftigen Gewitter, auf  Insekten in meinem Bett und auf Piss-Motten (die ihrem Namen leider sehr gerecht werden!), auf völlige Isolation zur Außenwelt, auf gruselige Nächte und scharfes Essen. Aber immer dann, wenn es mir wirklich schlecht ging, war jemand für mich da. Egal, ob dieser "Jemand" ein Hund war, der gestreichelt werden wollte, oder einer der Kirchners, der mir zugehört und mich in den Arm genommen hat.
Ich bin sooo dankbar, dass ich durch einen eher unglücklichen Zufall auf Kirchners Farm gelandet bin und ich bin mir sicher, dass ich mich nicht für immer von dieser Familie verabschiedet habe. Am liebsten würde ich direkt nach meinem Praktikum in Tansania wieder nach Namibia fliegen. Aber ich weiß ja, dass das nicht geht - das Leben kann nicht immer nur aus Urlaub, Sonne und Guavensaft bestehen. Und das ist auch gut so! Aber ich lebe nun schon 3 Monate mit dir, und ich muss sagen: Du hast mich ganz tief berührt. Du bist genau das, was ich gebraucht habe. Ich bin so gottfroh, dass ich mich für dich entschieden habe und dass du mich so wohlwollend bei dir aufgenommen hast. 

Meine Freundin, bei der ich für drei Tage in Windhuk gelebt habe, sagte zu mir:"Leni, Willkommen im Club der Infizierten eines Virus namens Afrika". Und das stimmt. Liebes Afrika, du bist nicht nur ein Kontinent, sondern du bist ein Virus, der einen von Kopf bis Fuß auffrisst, der ein ganzes Herz für sich in Anspruch nimmt. Diesen Virus werde ich wohl nie wieder los werden. Aber im Moment muss ich das ja auch gar nicht, meine Reise geht weiter, ein neues Kapitel fängt an. Ich habe noch ein paar Monate Zeit, mich noch intensiver von dir anstecken zu lassen.
Ich freue mich darauf!

Liebe Grüße,

Deine Leni