Samstag, 19. November 2016

#2: Liebes Afrika


Oder besser gesagt: Liebes Namibia,

ich freue mich sehr, dich endlich kennengelernt zu haben. Ich muss schon sagen, du bist sehr... naja, besonders. Auf der einen Seite machst du es mir ganz leicht, dich zu bewundern und zu lieben, aber auf der anderen Seite bist du gewöhnungsbedürftig und regelrecht anstrengend. Warum ich das so empfinde, möchte ich dir jetzt anhand einiger bisherigen Erlebnisse erklären:


Fangen wir mal mit der Kategorie „Tierwelt“ an. Ich möchte mich ja nicht beschweren, aber ich habe das Gefühl, du willst meine Nerven, in Bezug auf gruselige Tiere, wirklich überstrapazieren! Den Gecko und die Fledermaus in meinem Zimmer konnte ich ja noch verkraften, aber der Skorpion, der mitten in der Nacht ganz unschuldig auf meinem Nachtschränkchen saß, war eindeutig zu viel! Na, gute Nacht und vor allem: Schöne Träume!! Aber ich bin mächtig stolz auf mich und habe allen mit erhobenem Haupt am nächsten Morgen erzählt, wie ich das Tier (ich gebe es zu, es war ein Miniskorpion, etwa so groß wie ein Feuerzeug) mit meinem Schuh heldenhaft getötet habe. Dennoch suche ich seitdem jeden Abend sehr gründlich nach ungewollten Mitbewohnern und kontrolliere sogar jedes Mal die Toilette, bevor ich sie benutze. Es gibt natürlich auch schöne Erlebnisse mit afrikanischen Tieren. So habe ich zum Beispiel schon Kudus, Duiker, Elenantilopen, Paviane, Schakale, Warthogs, Strauße und  Schildkröten in freier Wildbahn gesehen! Und hier auf der Farm begeistern mich die Tiere von Tag zu Tag mehr: Kaffer („Kaffer“ ist hier in der Gegend  die schlimmste Beleidigung überhaupt. Ich weiß wirklich nicht, warum der arme Hund von den Arbeitern so benannt wurde!) wartet jeden Morgen schwanzwedelnd vor meiner Tür auf mich und lässt mich den ganzen Tag über nicht aus den Augen, und die einsame Ente, die glaubt, sie wäre ein Hund, legt sich zu mir in den Schatten und kuschelt mit mir. Ich durfte sogar schon auf  einem Hengst reiten, der normalerweise mit den Rindern im Busch lebt und ich bin mir nicht sicher, wer mehr Respekt vor dem anderen hatte. Aber wir beide haben uns gut angestellt und nun lässt er sich sogar dazu herab, ab und zu einen Apfel von mir anzunehmen. Auch wenn es komisch klingt: Die Tiere auf der Farm geben mir viel Kraft und bringen mich auch dann mal zum lachen, wenn ich nicht so gut drauf bin.


Nun komme ich zum Thema „Klima“, und der damit zusammenhängenden Natur- und Pflanzenwelt. Was mich die ersten paar Tage wirklich umgehauen hat, war diese unglaubliche Hitze. In Frankfurt am Flughafen noch dick eingepackt, musste ich mich in Windhoek morgens um 7 Uhr bei 27°C (!) erst mal umziehen. Seitdem hat keine Jeans und kein Pullover meine Haut berührt. Zur Mittagszeit wird es unerträglich heiß, und die Sonne verbrennt alles, was ihr in den Weg kommt. Nachts kühlt dann ein heftiges Hitzegewitter (bei dem mir manchmal echt die Haare zu Berge stehen) die Luft auf 20°C herunter. Die Savanne ist kahl, vertrocknet und außer toten, grauen Ästen und braunem Boden gibt es nichts zu sehen. Doch langsam beginnt die Regenzeit, und man erkennt einen grünen Schimmer auf den Büschen, sobald es nachts mal ein paar Tropfen geregnet hat. Da kommen bei fast 40°C im Schatten sogar noch Frühlingsgefühle auf! In meinem Garten steht ein Papayabaum, dessen Früchte bald reif sind und das Gel der wilden Aloe Vera, die hier überall wächst, hilft gegen Sonnenbrand. Und, liebes Namibia, wie unglaublich lecker ist eigentlich Guavensaft?! Ich werde nie wieder ohne dieses pinke Zeug leben können! Die Natur, und alles was sie mit sich bringt, ist so viel exotischer als in Deutschland und ich genieße es wirklich sehr, so viel Neues kennenzulernen.


So wie ich es erwartet hatte, sind deine Bewohner ganz besondere Menschen. Zum Beispiel gibt es auf die Frage, wie viele Menschen maximal in einen mittelgroßen Geländewagen passen, absolut keine Antwort! Mein Maximum bisher waren 12 Personen (ich irgendwo mitten auf der Transportfläche, vergraben unter Haut, Haaren, und einem Baby, das mir in den Schoß gelegt wurde), aber mir wurde versichert, dass ich mich noch auf viel engere Fahrten mit mehr Personen, manchmal auch Tieren freuen darf. Viele Menschen sind mir gegenüber noch sehr scheu, und man muss immer damit rechnen, mit seltsamen, traurigen oder schockierenden Situationen konfrontiert zu werden. Trotzdem habe ich noch nie irgendwo mitbekommen, dass im Alltag so viel gelacht und getanzt wird. Vor allem in der Stadt sind die Menschen so offen und freundlich. Die Kassiererin im Supermarkt in Grootfontein  begrüßt mich jetzt schon immer mit „Dag Leni! Hoe gaan dit?“ (= Hallo Leni, wie geht’s dir?). Und Riaan, einer der Arbeiter hat mir gestern selbstgemachte Küchlein gebracht. Ein brotähnlicher Teig wird in heißem Fett über einer Feuerstelle frittiert. Ich glaube in meinem ganzen Leben hab ich noch nie so etwas leckeres gegessen! Heute habe ich dir einen sehr langen Brief geschrieben, aber es gibt noch tausend weitere Eindrücke und Erlebnisse, die ich in den ersten Tagen/ Wochen gehabt habe. Ich bin so froh, dass wir uns nun endlich kennenlernen durften und dass du mir ohne Scheu dein echtes, reales Gesicht zeigst! Ich glaube, wir beide werden mit der Zeit enge Freunde und hoffe, dass du mir noch viele Dinge beibringen und zeigen kannst.


Bis zum nächsten Brief!


 Deine (völlig faszinierte) Leni.

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