Oder besser gesagt: Liebes Namibia,
ich freue mich sehr, dich endlich
kennengelernt zu haben. Ich muss schon sagen, du bist sehr... naja, besonders.
Auf der einen Seite machst du es mir ganz leicht, dich zu bewundern und zu
lieben, aber auf der anderen Seite bist du gewöhnungsbedürftig und regelrecht
anstrengend. Warum ich das so empfinde, möchte ich dir jetzt anhand einiger
bisherigen Erlebnisse erklären:
Fangen wir mal mit der Kategorie „Tierwelt“
an. Ich möchte mich ja nicht beschweren, aber ich habe das Gefühl, du willst
meine Nerven, in Bezug auf gruselige Tiere, wirklich überstrapazieren! Den
Gecko und die Fledermaus in meinem Zimmer konnte ich ja noch verkraften, aber
der Skorpion, der mitten in der Nacht ganz unschuldig auf meinem Nachtschränkchen
saß, war eindeutig zu viel! Na, gute Nacht und vor allem: Schöne Träume!! Aber
ich bin mächtig stolz auf mich und habe allen mit erhobenem Haupt am nächsten
Morgen erzählt, wie ich das Tier (ich gebe es zu, es war ein Miniskorpion, etwa
so groß wie ein Feuerzeug) mit meinem Schuh heldenhaft getötet habe. Dennoch
suche ich seitdem jeden Abend sehr gründlich nach ungewollten Mitbewohnern und
kontrolliere sogar jedes Mal die Toilette, bevor ich sie benutze. Es gibt
natürlich auch schöne Erlebnisse mit afrikanischen Tieren. So habe ich zum
Beispiel schon Kudus, Duiker, Elenantilopen, Paviane, Schakale, Warthogs,
Strauße und Schildkröten in freier
Wildbahn gesehen! Und hier auf der Farm begeistern mich die Tiere von Tag zu
Tag mehr: Kaffer („Kaffer“ ist hier in der Gegend die schlimmste Beleidigung überhaupt. Ich
weiß wirklich nicht, warum der arme Hund von den Arbeitern so benannt wurde!)
wartet jeden Morgen schwanzwedelnd vor meiner Tür auf mich und lässt mich den
ganzen Tag über nicht aus den Augen, und die einsame Ente, die glaubt, sie wäre
ein Hund, legt sich zu mir in den Schatten und kuschelt mit mir. Ich durfte
sogar schon auf einem Hengst reiten, der
normalerweise mit den Rindern im Busch lebt und ich bin mir nicht sicher, wer
mehr Respekt vor dem anderen hatte. Aber wir beide haben uns gut angestellt und
nun lässt er sich sogar dazu herab, ab und zu einen Apfel von mir anzunehmen.
Auch wenn es komisch klingt: Die Tiere auf der Farm geben mir viel Kraft und
bringen mich auch dann mal zum lachen, wenn ich nicht so gut drauf bin.
Nun komme ich zum Thema „Klima“, und der damit
zusammenhängenden Natur- und Pflanzenwelt. Was mich die ersten paar Tage
wirklich umgehauen hat, war diese unglaubliche Hitze. In Frankfurt am Flughafen
noch dick eingepackt, musste ich mich in Windhoek morgens um 7 Uhr bei 27°C (!)
erst mal umziehen. Seitdem hat keine Jeans und kein Pullover meine Haut
berührt. Zur Mittagszeit wird es unerträglich heiß, und die Sonne verbrennt
alles, was ihr in den Weg kommt. Nachts kühlt dann ein heftiges Hitzegewitter
(bei dem mir manchmal echt die Haare zu Berge stehen) die Luft auf 20°C
herunter. Die Savanne ist kahl, vertrocknet und außer toten, grauen Ästen und
braunem Boden gibt es nichts zu sehen. Doch langsam beginnt die Regenzeit, und
man erkennt einen grünen Schimmer auf den Büschen, sobald es nachts mal ein
paar Tropfen geregnet hat. Da kommen bei fast 40°C im Schatten sogar noch
Frühlingsgefühle auf! In meinem Garten steht ein Papayabaum, dessen Früchte
bald reif sind und das Gel der wilden Aloe Vera, die hier überall wächst, hilft
gegen Sonnenbrand. Und, liebes Namibia, wie unglaublich lecker ist eigentlich
Guavensaft?! Ich werde nie wieder ohne dieses pinke Zeug leben können! Die
Natur, und alles was sie mit sich bringt, ist so viel exotischer als in
Deutschland und ich genieße es wirklich sehr, so viel Neues kennenzulernen.
So wie ich es erwartet hatte, sind deine
Bewohner ganz besondere Menschen. Zum Beispiel gibt es auf die Frage, wie viele
Menschen maximal in einen mittelgroßen Geländewagen passen, absolut keine
Antwort! Mein Maximum bisher waren 12 Personen (ich irgendwo mitten auf der
Transportfläche, vergraben unter Haut, Haaren, und einem Baby, das mir in den
Schoß gelegt wurde), aber mir wurde versichert, dass ich mich noch auf viel
engere Fahrten mit mehr Personen, manchmal auch Tieren freuen darf. Viele
Menschen sind mir gegenüber noch sehr scheu, und man muss immer damit rechnen,
mit seltsamen, traurigen oder schockierenden Situationen konfrontiert zu
werden. Trotzdem habe ich noch nie irgendwo mitbekommen, dass im Alltag so viel
gelacht und getanzt wird. Vor allem in der Stadt sind die Menschen so offen und
freundlich. Die Kassiererin im Supermarkt in Grootfontein begrüßt mich jetzt schon immer mit „Dag Leni!
Hoe gaan dit?“ (= Hallo Leni, wie geht’s dir?). Und Riaan, einer der Arbeiter
hat mir gestern selbstgemachte Küchlein gebracht. Ein brotähnlicher Teig wird
in heißem Fett über einer Feuerstelle frittiert. Ich glaube in meinem ganzen
Leben hab ich noch nie so etwas leckeres gegessen! Heute habe ich dir einen sehr langen Brief
geschrieben, aber es gibt noch tausend weitere Eindrücke und Erlebnisse, die
ich in den ersten Tagen/ Wochen gehabt habe. Ich bin so froh, dass wir uns nun
endlich kennenlernen durften und dass du mir ohne Scheu dein echtes, reales
Gesicht zeigst! Ich glaube, wir beide werden mit der Zeit enge Freunde und
hoffe, dass du mir noch viele Dinge beibringen und zeigen kannst.
Bis zum nächsten Brief!
Deine (völlig faszinierte) Leni.
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